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Antirassistische Demo in Greiz: „Po­gro­me ver­hin­dern, bevor sie ent­ste­hen!“

November 6, 2013

Po­grom­stim­mung brei­tet sich aus im Herbst des Jah­res 2013. An meh­re­ren Orten Deutsch­lands ver­sam­meln sich Ras­sist*Innen unter der Fas­sa­de be­sorg­ter Bür­ger*Innen, um gegen Asyl­be­wer­ber*Innen zu het­zen. Die pro­pa­gan­dis­ti­sche Aus­schlach­tung ras­sis­ti­scher Vor­ur­tei­le wird, wenn nicht schwei­gend hin­ge­nom­men, durch die Be­völ­ke­rung ge­teilt. Nicht um­sonst ge­lang es im säch­si­schen Schnee­berg Nazis schon zwei Mal in Folge, mehr als tau­send Men­schen auf die Stra­ße zu mo­bi­li­sie­ren. Auch in Greiz-​Pohlitz mar­schier­ten Nazis und An­woh­ner*Innen mit Fa­ckeln vor einem pro­vi­so­ri­schen Wohn­heim für Ge­flüch­te­te auf. Wenn auch in der Di­men­si­on nicht mit Schnee­berg ver­gleich­bar, konn­te auch hier be­ste­hen­der All­tags­ras­sis­mus durch or­ga­ni­sier­te Nazis auf­ge­grif­fen wer­den.

Wenn wir der um sich grei­fen­den ras­sis­ti­schen Po­grom­stim­mung nicht Ein­halt ge­bo­ten wird, dro­hen Zu­stän­de wie in den 90er Jah­ren in Ros­tock-​Lich­ten­ha­gen, Mölln, So­lin­gen oder Ho­yers­wer­da. „Po­gro­me ver­hin­dern, bevor sie ent­ste­hen!“, ist daher das Motto un­se­rer De­mons­tra­ti­on am 9.​11. in Greiz.

Aus­lö­ser der selbst­er­nann­ten „Pro­tes­te“ in Greiz war die kurz­fris­ti­ge Un­ter­brin­gung von etwa 50 Re­fu­gees in einem Plat­ten­bau in Greiz-​Pohlitz, der bis vor kur­zem als Lehr­lings­wohn­heim dien­te. Als dies am Frei­tag dem 13.​09. be­kannt wurde, ver­sam­mel­ten sich spon­tan etwa 85 Nazis und Sym­pa­thi­sant*innen vor dem Heim. Die Nazis wuss­ten, sich zu or­ga­ni­sie­ren und grün­de­ten eine „Bür­ger­initia­ti­ve gegen das Asyl­heim am Zasch­berg“. In der fol­gen­den Woche wie­der­hol­te sich das Spek­ta­kel, dies­mal je­doch be­sucht von über 120 Nazis und Bür­gern. Ab die­sem Zeit­punkt ver­rin­ger­te sich die Teil­neh­mer*in­nen­zahl der ras­sis­ti­schen Frei­tags­kund­ge­bun­gen wö­chent­lich – am 04.​10. waren nur noch etwa 80 Men­schen an­we­send. Gleich­zei­tig war zu be­ob­ach­ten, dass sich auch auf Grund des ne­ga­ti­ven Me­dien­echos we­sent­lich we­ni­ger An­woh­ner*innen an den Ver­an­stal­tun­gen der „Bür­ger­i­ni­ta­ti­ve“ be­tei­lig­ten. Am 11.​10. folg­te schließ­lich der vor­erst letz­te Auf­marsch der Ras­sist*innen – trotz gro­ßer Mo­bi­li­sie­rung schaff­ten es wie­der nur 80 Nazis und Sym­pa­thi­sant*innen nach Greiz, dies­mal ins Stadt­zen­trum. An­we­send waren nicht nur Grei­zer Nazis, son­dern auch das Freie Netz Kahla und Saal­fel­der Nazis. Die An­mel­dung für den 18.​10. wurde kurz­fris­tig zu­rück­ge­zo­gen – je­doch gehen wir davon aus, dass Nazis über­re­gio­nal zu einer De­mons­tra­ti­on für den 23.​11. nach Greiz mo­bi­li­sie­ren! Die Köpfe hin­ter der Bür­ger­initia­ti­ve sind schon jah­re­lang in der or­ga­ni­sier­ten Ka­me­rad­schafts­sze­ne Ost­thü­rin­gens und West­sach­sens aktiv. Wich­tigs­te Per­so­nen sind David Kö­ckert aus Greiz (jah­re­lang im Blood&Ho­nour-​Um­feld zu­gan­ge) und Kevin Pahn­ke (Füh­rungs­ka­der der Ka­me­rad­schaft RNJ Vogt­land). (Vgl. Ar­ti­kel mit wei­te­ren Infos zu be­tei­lig­ten Nazis)

Wir haben be­schlos­sen, selbst aktiv zu wer­den. Von den State­ments der Po­li­tik ist nichts zu er­war­ten, außer Ima­ge­pfle­ge für Stadt und Land­kreis Greiz. Na­tür­lich un­ter­stüt­zen wir jeg­li­che So­li­da­ri­sie­rung, jeg­li­ches State­ment gegen Dis­kri­mi­nie­rung. Wenn die Po­li­tik an Mensch­lich­keit und To­le­ranz ap­pel­liert, ist dies zwei­fel­los zu be­grü­ßen. Doch wie soll dies ernst­ge­nom­men sein, wenn die Ver­tre­ter*Innen der­sel­ben Po­li­tik seit Jah­ren im Land­kreis Greiz ein Klima der Angst, der Aus­gren­zung, der sys­te­ma­ti­schen Dis­kri­mi­nie­rung, Kon­trol­le, des psy­chi­schen Drucks auf Flücht­lin­ge schu­fen?

Lange Zeit bevor der Mob be­gann, sich auf den Stra­ßen von Greiz gegen all jene zu ver­sam­meln, die nicht Deutsch genug er­schei­nen, waren Dis­kri­mi­nie­rung und Über­grif­fe ge­gen­über Mi­grant*innen bzw. Asyl­be­wer­ber*innen in Greiz be­reits All­tag. Die Le­bens­be­din­gun­gen, denen Flücht­lin­ge im Land­kreis Greiz aus­ge­setzt sind, spre­chen für sich. Das zu­stän­di­ge Land­rats­amt hält trotz Pro­tes­ten an einem Sys­tem der Kon­trol­le und Ent­mün­di­gung fest. Noch immer wer­den Flücht­lin­ge in Greiz aus­schließ­lich in zwei so­ge­nann­ten Ge­mein­schafts­un­ter­künf­ten un­ter­ge­bracht. Thü­rin­gen­weit ist das Sys­tem der Gut­schein­ver­ga­be ab­ge­schafft, nur die Land­krei­se Greiz und Wei­ma­rer Land hal­ten nach wie vor daran fest. Gip­fel des ent­wür­di­gen­den Han­delns der Grei­zer Be­hör­den stellt eine Be­ge­ben­heit aus dem Jahre 2011 dar. Nach Wei­sung der Lan­drä­tin Mar­ti­na Schweins­burg (CDU) muss­ten die Be­woh­ner*innen der Grei­zer Flücht­lings­un­ter­künf­te her­un­ter­ge­kom­men­de Klei­dung zu über­teu­er­ten Prei­sen bei einer Ver­kaufs­ver­an­stal­tung in der Grei­zer Turn­hal­le ein­kau­fen. Die Liste der staat­li­chen Dis­kri­mi­nie­run­gen ließe sich noch wei­ter fort­set­zen: Zum Bei­spiel das Feh­len von Über­set­zer*innen und die Re­gle­men­tie­rung ein­fachs­ter Be­dürf­nis­se wie z.B. des Du­schens durch ein Du­sch­mar­ken­sys­tem – eine Du­sch­mar­ke er­mög­licht drei Mi­nu­ten Du­schen, es wer­den of­fen­sicht­lich nur fünf Mar­ken pro Woche aus­ge­hän­digt. (Vgl. http://jg-​stadt­mit­te.​de/​2013/​11/​03/​am-09-11-alle-nach-greiz-pogrome-verhindern-bevor-sie-beginnen/​ ). CDU-​Lan­drä­tin Mar­ti­na Schweins­burg bekam im ver­gan­ge­nen Jahr nicht ohne Grund vom Flücht­lings­rat Thü­rin­gen den Ne­ga­tiv­preis für die größ­te Ge­mein­heit ver­lie­hen. In einem kürz­lich be­kannt ge­wor­de­nen Schrei­ben dif­fa­mier­te sie den Thü­rin­ger Flücht­lings­rat, er würde an­geb­lich zu­sam­men mit „aus­wär­ti­gen Ex­tre­mis­ten“ Un­ru­he in Greiz stif­ten – mehr als nur eine gro­tes­ke Ver­dre­hung der der­zei­ti­gen Si­tua­ti­on in Ost­thü­rin­gen. Dass das Schrei­ben sogar un­kri­tisch in einer Kir­che ver­le­sen wurde, spricht Bände über das tat­säch­li­che lo­ka­le „Pro­blem­be­wusst­sein“ – als Pro­blem be­nannt wird der/die­je­ni­ge, wer Pro­ble­me öf­fent­lich macht, sich gegen dis­kri­mi­nie­ren­de und men­schen­ver­ach­ten­de Struk­tu­ren äu­ßert.

Schon im Jahre 1991 und 2003 gab es An­schlä­ge auf Asyl­be­wer­ber­hei­me in Greiz. Die Ge­fahr, dass sich dies er­neut wie­der­holt, ist ge­ge­ben. Vor dem Hin­ter­grund der ras­sis­ti­schen Zu­stän­de im Land­kreis Greiz, die von in­sti­tu­tio­nel­ler Dis­kri­mi­nie­rung und An­grif­fen auf Mi­grant*innen ge­prägt sind, rufen wir noch ein­mal alle ak­ti­ven An­ti­fa­schist*innen auf, sich am 9.​11. 12 Uhr in Greiz (Bru­no-​Ber­ger-​Stra­ße, am Ar­beits­amt) an der De­mons­tra­ti­on zu be­tei­li­gen.

Wir so­li­da­ri­sie­ren uns zudem mit den De­mons­tra­tio­nen, die Mitt­wochs in Bit­ter­feld und Frei­tag in Er­furt statt­fin­den; sowie mit den An­ti­fa­schist*innen in Fried­land und Du­is­burg, die am 9. No­vem­ber gegen ras­sis­ti­sche und an­ti­se­mi­ti­sche Auf­mär­sche pro­tes­tie­ren wer­den.

PO­GRO­ME VER­HIN­DERN, BEVOR SIE ENT­STE­HEN!
GEGEN ALL­TÄG­LI­CHEN RAS­SIS­MUS & MEN­SCHEN­VER­ACH­TEN­DE PO­LI­TIK!

die An­ti­fa­schis­ti­schen Grup­pen des Vogt­lan­des (AGV)

Jing­le: https://​soundcloud.​com/​agv-blogsport-de/​09-11-greiz-mobi
So­li­track: https://​soundcloud.​com/​agv-blogsport-de/​solitrack-greiz

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